Monatssternenhimmel

Die Zeit der Mitternachtsdämmerung beginnt

Der Sternenhimmel im Mai/Der Mond begegnet Jupiter/Das Haar der Berenike/Erstes Bild eines Schwarzen Loches

Im Mai setzt die Sonne ihren Anstieg im Tierkreis fort. Sie wandert zunächst durch den Widder und wechselt am 14. in das nächste Tierkreissternbild, den Stier. Zur Mittagszeit erreichen die Sonnenhöhen nun schon fast den sommerlichen Höchststand.

Der Mond beginnt den Mai in abnehmender Phase. Nach Neumond, am 4. im Sternbild Widder, erscheint die haarfeine Sichel des jungen Mondes erstmals wieder am 6. für kurze Zeit in der Abenddämmerung. Am nächsten Abend (7. Mai) zeigt sich unser Trabant unterhalb des Planeten Mars, der den ganzen Monat über noch am Abendhimmel zu finden ist. Das Erste Viertel wird am 12. im Sternbild Stier erreicht und am 18. tritt Vollmond ein. In der Nacht vom 20. zum 21. kommt es zu einer auffälligen Begegnung, wenn der noch immer recht rundliche, abnehmende Mond dicht neben dem hellen Jupiter steht. Beide Gestirne kommen kurz nach 23 Uhr im Südosten über den Horizont. In der letzten Maiwoche ist der Mond nur noch am Morgenhimmel zu sehen. Dort begegnet er am 23. dem Saturn und erreicht am 26. das Letzte Viertel im Sternbild Wassermann.

Für Sternfreunde, die nicht nur den Mond und die hellen Planeten beobachten möchten, sondern auch nach lichtschwächeren Objekten wie Sternhaufen oder fernen Galaxien Ausschau halten wollen, bricht mit dem Mai eine schwierige Zeit an. Durch die kürzer werdenden Nächte bleibt immer weniger Zeit, in der es am Himmel dunkel genug wird. In den ersten Maitagen beginnt die sogenannte astronomische Dunkelheit (die Sonne steht dann mindestens 18 Grad unter dem Horizont) gegen 23.30 Uhr und endet bald nach 3 Uhr am nächsten Morgen. Dieses Zeitfenster schrumpft aber im Monatsverlauf immer mehr, und ab den letzten Maitagen tritt die astronomische Dunkelheit auf unseren Breiten überhaupt nicht mehr ein – die Zeit der Mitternachtsdämmerung beginnt.

Immerhin ist der Himmel gegen Mitternacht dunkel genug, um nach den Sternbildern zu sehen. Hoch über sich findet man dann den bekannten Großen Wagen. Im Südwesten zeigt sich noch das schöne Frühlingssternbild des Löwen. Durch seine einprägsamen Umrisse, die durchaus an eine Löwenfigur denken lassen, lässt sich dieses Sternbild auch für Anfänger leicht am Himmel finden. Der hellste Stern im Löwen heißt Regulus, lateinisch für „Kleiner König“. Er steht in 79 Lichtjahren Entfernung und ist ein heißer Stern, dreimal so groß und 140 mal so leuchtkräftig wie unsere Sonne. Linkerhand vom Löwen fallen mit der weiß leuchtenden Spica in der Jungfrau und dem hoch im Süden stehenden, orange getönten Arktur im Bootes zwei weitere helle Sterne auf. Mit einer Entfernung von 37 Lichtjahren zählt Arktur zu den Sternnachbarn unserer Sonne in der Milchstraße, während Spica immerhin schon 250 Lichtjahre entfernt ist und uns nur durch ihre enorme Leuchtkraft (etwa das 2000-fache der Sonne!) so hell erscheint. Zusammen mit Regulus bilden Arktur und Spica ein großes Dreieck am Himmel, das man gelegentlich auch als Frühlingsdreieck bezeichnet.

Das Gebiet zwischen Löwe, Bootes und Jungfrau ist zwar arm an helleren Sternen, aber reich an anderen, interessanten Himmelsobjekten. So kann man unter dunklem Himmel etwa halbwegs zwischen dem Löwen und dem Stern Arktur schon mit bloßen Augen eine Ansammlung schwacher Sternchen erkennen: das ist der Sternhaufen Melotte 111, der zum kleinen Sternbild Haar der Berenike (lateinisch Coma Berenices) gehört und mit seinem etwas diffusen („haarigen“) Schimmer wohl zur Namensgebung des gesamten Sternbilds geführt hat. Der Name Berenice geht auf die Gemahlin des ägyptischen Königs Ptolemaios III zurück, die im 3. Jahrhundert vor Christi lebte und die der Sage nach ihre Haarpracht aus Dankbarkeit, dass der Gemahl siegreich aus einem Krieg zurückkehrte, den Göttern geopfert haben soll. Melotte 111 ist mit einer Entfernung von 280 Lichtjahren einer der nächsten Sternhaufen in der Milchstraße und bietet besonders im Fernglas einen hübschen Anblick.

Etwas unterhalb vom Haar der Berenike und zum Teil schon auf dem Gebiet des Sternbilds Jungfrau (lateinisch Virgo), befindet sich eine große Ansammlung von Galaxien, also Sternsystemen ähnlich unserer Milchstraße. Sie bilden den sogenannten Virgo-Galaxienhaufen. Er enthält etwa 2000 einzelne Galaxien und ist rund 55 Millionen Lichtjahre von uns entfernt. Wegen ihrer riesigen Entfernung sind die Haufenmitglieder natürlich viel zu schwach, um sie mit bloßen Augen erkennen zu können. Immerhin zeigen sich einige von ihnen aber schon im Fernglas als winzige diffuse Fleckchen, darunter auch die Riesengalaxie mit der Katalognummer M87.

M87 steht im Zentrum des Virgo-Galaxienhaufens und wurde bereits im Jahr 1781 vom französischen Astronomen Charles Messier entdeckt, auf den das „M“ in der Katalogbezeichnung hinweist. Weitere Beobachtungen zeigten, dass im Kern dieser Galaxie offenbar turbulente Dinge vor sich gehen. Immer mehr Indizien sprachen dafür, dass im Zentrum von M87 – ebenso wie im Zentrum unserer Milchstraße und vieler anderer Galaxien – ein supermassives Schwarzes Loch von rund 6 Milliarden Sonnenmassen sitzen könnte. Schwarze Löcher können der Theorie nach entstehen, wenn große Massen unter ihrer eigenen Schwerkraft ungebremst zu einer raumzeitlichen „Singularität“ zusammenbrechen, an der möglicherweise Raum und Zeit enden. In der Umgebung einer solchen Singularität herrschen so große Gravitationskräfte, dass nichts, auch kein Licht, daraus entweichen kann. Von außen betrachtet, sind Schwarze Löcher deshalb unsichtbar. Sie sollten sich allerdings als dunkler Fleck („Schatten“) vor der heißen, hell strahlenden Akkretionsscheibe aus Gas und Staub abzeichnen, die sie umgibt.

Nun ist es mit Hilfe eines erdumspannenden Netzes aus Radioteleskopen (dem Event Horizon Telescope) zum ersten Mal gelungen, ein Bild vom Schatten des Schwarzen Loches in M 87 zu gewinnen. Dieses Bild war auch auf der Titelseite unserer Zeitung zu sehen und bestätigt Computersimulationen, die zuvor auf der Grundlage von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie erstellt worden waren. Es zeigt, dass Einsteins Theorie auch extremste physikalische Bedingungen korrekt beschreibt.

Der Himmel über der Sternwarte am 15.05.19 um 0.00 Uhr MESZ.
Der Himmel über der Sternwarte am 15.05.19 um 0.00 Uhr MESZ.

Autor: Volker Kasten